Symposien Sonntag

Änderungen im Programmablauf vorbehalten.

 
dt
Saal A&B 10:15 - 11:45 04.10.2015
Symposium So07
Ophthalmologische Versorgungsforschung und Epidemiologie: Chancen und Herausforderungen
Vorsitzende/r: Norbert Pfeiffer (Mainz), Matthias Augustin (Hamburg)

Epidemiologische Studien können Erkenntnisse nicht nur zu Prävalenz, Inzidenz ophthalmologischer Erkrankungen beitragen, sondern auch zu Risikofaktoren für Erkrankungen, genetischem Hintergrund und auch Therapieansätze aufzeigen. Gleichzeitig ist kaum ein Fach in seinen Versorgungsstrukturen so sehr im Umbruch wie die Ophthalmologie. Wie werden epidemiologische Kenntnisse und Versorgungsstudien die zukünftigen Strukturen beeinflussen?
Referent/in: Matthias Augustin (Hamburg)
Referent/in: Christian Wolfram (Hamburg)
Referent/in: Frank H. W. Tost (Greifswald)
Populationsbasierte epidemiologische Studien gewinnen an erheblicher Bedeutung, um das ophthalmologische Versorgungsangebot und den tatsächlichen Versorgungsbedarf, z.B. mittels Prävalenz und Inzidenz relevanter Volkskrankheiten wie AMD oder diabetischer Retinopathie, in der Gesellschaft verständlich zu machen. Trotzdem weisen Forschungsregister wie die Meta-Datenbank PubMed für die Schlagwortkombination „populationsbasiert“ und „Auge“ nur eine sehr überschaubare Anzahl von Zitationen aus. Aus Deutschland sind erst in den letzten zwei Jahren Publikationen über epidemiologische Studien hinzugekommen, die auch ophthalmologische Parameter bzw. Augenerkrankungen einschließen. Daher werden die fünf großen populationsbasierten Studien aus Deutschland (GHS in Mainz, LIFE in Leipzig, SHIP in Greifswald, AugUR in Regensburg und Rheinlandstudie in Bonn) vorgestellt und erörtert, welche Informationen für die klinische Praxis in Zukunft von diesen Versorgungsforschungsprojekten erwartet werden dürfen.
Referent/in: Ursula Hahn (Düsseldorf)
Referent/in: Clemens Jürgens (Greifswald)
Fragestellung: Für die rechtzeitige Erkennung behandlungsbedürftiger Netzhautveränderungen bei Patienten mit Diabetes mellitus ist die Einhaltung leitliniengerechter Kontrollintervalle beim Augenarzt von besonderer Bedeutung. Ziel dieser Studie war es die Trends und Determinanten der Inanspruchnahme von Augenärzten durch Diabetiker im Nordosten Deutschlands zu analysieren. Methodik: Hierzu untersuchten wir die Selbstangaben zu jährlichen Augenarztkonsultationen von Diabetikern aus den Daten zweier populationsbasierter Kohorten (Study of Health in Pomerania, SHIP) der Jahre 1997-2001 (n=4308) und 2008-2012 (n=4420). Um demografische, finanzielle und gesundheitsbezogene Einflussfaktoren auf das individuelle Konsultationsverhalten identifizieren zu können, wurde das Verhaltensmodell der Inanspruchnahme gesundheitsbezogener Versorgung nach Andersen verwendet. Ergebnis: Die Prävalenz einer Diabetesdiagnose durch einen Arzt stieg im Beobachtungszeitraum von 6,5% auf 9,7%. Diabetes mellitus Typ 1 und Typ 2 wurden hierbei gemeinsam betrachtet. Die Prävalenz von Augenarztbesuchen sank von 69% auf 53% (adj. Relatives Risiko=0,77; p< 0,001). Besonders deutlich zeigte sich dieser Rückgang bei Teilnehmern, die ein hohes Risiko für Diabetes-bedingte Komplikationen aufweisen: Männern, Personen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status, Arbeitslosigkeit; bei denen die Diagnose eines Diabetes längere Zeit zurückliegt, die gleichzeitig mit oralen Antidiabetika und Insulin behandelt werden; geringer subjektiver Gesundheit und Lebensqualität; Übergewichtige, Raucher, ohne körperliche Aktivität; ohne regelmäßige Konsultationen ihres Hausarztes. Schlussfolgerung: Die Ergebnisse dieser Analyse deuten darauf hin, dass bei einem Großteil der Patienten mit Diabetes mellitus die Kontrollintervalle beim Augenarzt leitliniengerecht eingehalten werden. Allerdings hat der Anteil an Diabetikern mit fehlenden Augenarztbesuchen in den vorangegangenen 12 Monaten im Verlauf des letzten Jahrzehnts deutlich zugenommen. Diese Abnahme war besonders ausgeprägt bei Diabetikern mit hohem Risiko für Diabetes-bedingte Komplikationen. Die Studienergebnisse können bei der gezielten Entwicklung von Maßnahmen zur Gesundheitsaufklärung und Förderung der Patientenadhärenz hilfreich sein.
Referent/in: Marion Danner (Köln)
Einleitung: Patienten mit altersbedingter Makuladegeneration (AMD) werden selten aktiv in Behandlungsentscheidungen eingebunden, obwohl die bestehenden Behandlungsalternativen Eigenschaften aufweisen, zu denen die Patienten ausgeprägte Präferenzen haben. Verschiedene Methoden der Präferenzerhebung, wie der Analytic Hierarchy Process und Discrete Choice Experimente ermöglichen die strukturierte und transparente Ermittlung der relativen Bedeutung von Behandlungseigenschaften für Patienten. Studienziel: Ziel der Studie war, anhand zweier Methoden der Präferenzerhebung zu ermitteln, wie relevant Behandlungseigenschaften für AMD-Patienten im Vergleich zueinander sind und inwiefern die mit beiden Methoden geschätzten Präferenzen vergleichbar sind. Methoden: Es wurden 86 Patienten befragt, die an der Uniklinik Köln intravitreale Injektionen zur Behandlung der AMD erhalten. Die Patienten wurden mittels interviewerassistierter Fragebögen mit AHP und DCE befragt. Die Präferenzerhebungen erfolgten für die Behandlungseigenschaften: Effekt auf die Sehfähigkeit, Nebenwirkungen, Zulassungsstatus, Injektionshäufigkeit und Häufigkeit der Kontroll­untersuchungen. Diese Behandlungseigenschaften wurden zuvor u.a. im Rahmen qualitativer Patientenbefragungen ermittelt. Ergebnisse: Die Auswertung des AHP (n=86) ergab eine klare Priorisierung des Effektes auf die Sehfähigkeit für die Patienten, gefolgt von der Häufigkeit der Kontrolluntersuchungen, des Zulassungstsatus des Medikamentes, der Injektionshäufigkeit und den Nebenwirkungen. Im DCE (n=86) zeigte sich, dass Patienten eine Verbesserung der Sehfähigkeit gegenüber einer Stabilisierung bevorzugen, zweimonatliche Kontrolluntersuchungen am beliebtesten waren und zugelassene Medikamente klar bevorzugt wurden. AHP und DCE kommen insgesamt zu vergleichbaren Ergebnissen. Diskussion: Es wird deutlich, dass für die Patienten der Effekt auf Sehfähigkeit das wichtigste Ziel der Behandlung ist, die Häufigkeit der Kontrolluntersuchungen und die Zulassung der ihnen verabreichten Medikamente spielt aber für Patienten ebenfalls eine wichtige Rolle. Beide Methoden der Präferenzerhebung liefern vergleichbare Ergebnisse und stellen Informationen bereit, die bei der Informierung, Beratung und Behandlung der Patienten berücksichtigt werden sollten. Die Erkenntnisse der Präferenzerhebungen können in individuelle Behandlungsentscheidungen eingebunden werden, um die Versorgung bestmöglich den Bedürfnissen der Patienten anzupassen.
Referent/in: Caroline Brandl (Regensburg)
Fragestellung: Populationsbasierte epidemiologische Daten zu häufigen ophthalmologischen Erkrankungen wie der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) sind in Deutschland selten (DOG Weißbuch 2012). Gerade im Hinblick auf die AMD fehlen ältere Kohorten, da bisherige populationsbasierte Studien meist bei einem Einschlussalter von 70-75 Jahren enden, das AMD-Erkrankungsrisiko jedoch dann erst deutlich steigt. Die Augenstudie der Universität Regensburg, AugUR, soll diese Lücken schließen und Daten über Prävalenzen und Inzidenzen der AMD sowie ihrer umweltbedingten und genetischen Risikofaktoren in der älteren Bevölkerung beleuchten. Methodik: Per Zufallsstichprobe werden Personen über 70 Jahre aus dem Großraum Regensburg mittels schriftlicher Einladung rekrutiert. Die Probanden durchlaufen ein detailliertes Studienprogramm inklusive Erhebung von Lebens- und Ernährungsgewohnheiten sowie allgemeiner und Augen-spezifischer Erkrankungen, unterschiedlicher Untersuchungen zum allgemeinen Gesundheitszustand sowie Blut-/Urin-Biobanking. Zentrale Farbfundusfotos werden im Hinblick auf AMD klassifiziert. Ergebnis: Die Netto-Response-Rate in der ersten Studienphase lag bei 21,2% und war deutlich altersabhängig sowie unterschiedlich zwischen Männern (24,4%) und Frauen (18,0%). Insgesamt wurden bis Juli 2014 607 Probanden untersucht (350 Männer, 257 Frauen), mittleres Alter 77,5 +/- 4,9 Jahre. Beurteilbare Fundusaufnahmen lagen bei 553 (91,1%) Probanden vor. Insgesamt fanden sich bei 262 (47,4%) Probanden keine AMD-typischen Veränderungen, 217 (39,2%) zeigten frühe AMD-Formen (große Drusen, Pigmentepithelirregularitäten) an mindestens einem Auge, 34 (6,1%) Probanden wiesen Spätformen auf (11 Personen mit geographischer Atrophie, 15 mit feuchter AMD, 8 mit Mischformen). Die altersadjustierte Prävalenz der frühen AMD lag bei 38,6%, die der Spätformen bei 7,9%. Bei 45 (8,1%) Personen konnte eine latente, also den Probanden bisher unbekannte, AMD detektiert werden (14 Spätformen). Schlussfolgerung: AugUR liefert populationsbasierte epidemiologische Daten aus der älteren Bevölkerung zur AMD. Die Prävalenz ist höher als in internationalen Vergleichsstudien, was sowohl an der Altersstruktur als auch am Rekrutierungs-Bias einer Augen-spezifischen Studie liegen könnte. Beachtenswert ist die Detektion latenter AMD-Fälle innerhalb unserer Studienkohorte. Die derzeitige Querschnitts-Studie wird zukünftig vergrößert und durch longitudinales Design mit Follow-Up-Untersuchungen ergänzt.
Referent/in: Martin Bartram (Hannover)
Hintergrund: Der BVA (Berufsverband der Augenärzte) schätzt, dass auf deutschen Straßen mindestens 300.000 Verkehrsunfälle mit zehntausenden Verletzten und Toten jährlich durch bekannte und nicht-bekannte Störungen des Sehens verursacht werden. Die Kontrollorgane haben bisher allerdings nur die Möglichkeit fahrauffällige Personen auf Drogen– und /oder Alkoholabusus zu testen, nicht aber Störungen des Sehens und andere körperliche Beeinträchtigungen zu evaluieren. Methodik: In einem Pilotprojekt mit der Polizeiinspektion Hildesheim in Niedersachsen sollen fahrauffällige Verkehrsteilnehmer und auffällige Kraftfahrzeugfahrer in Verkehrskontrollen zusätzlich auch auf Sehauffälligkeiten gescreent werden. Vor Ort sollen die Augenmotilität, die Pupillengröße, und die Lichtreaktion evaluiert werden, sowie eine orientierende Sehschärfenprüfung und ein orientierendes Konfrontationsgesichtsfeld durchgeführt werden. Die überprüften Merkmale werden in einem gewichteten Score bewertet und stellen eine Entscheidungsgrundlage dar, ob eine Weiterfahrt unterbunden und der Fahrerlaubnisbehörde empfohlen werden soll, eine augenärztliche Untersuchung anzuordnen. Ergebnisse: In enger Zusammenarbeit zwischen der Polizeiinspektion Hildesheim und der Universitätsaugenklinik der MHH wurden die notwendigen Testmethoden eingehend besprochen und trainiert. Ein Teil der zu untersuchenden Sehmerkmale wurde bereits in einem umfassenderen Score inkludiert, der auch andere neurologische Tests umfasst. Aktuell werden nun alle oben genannten Testmethoden in den Score eingefasst und Verkehrsteilnehmer entsprechend gescreent. Schlussfolgerung: In diesem Pilotprojekt wird erstmals darauf abgezielt, die gängigen Testverfahren der Polizei zur Erkennung von verkehrsgefährdenden Autofahrern neben Screening auf Alkohol, Drogen und neurologischen Defiziten um spezifische Tests zur Erkennung von visuellen Defiziten zu erweitern. Ein daraus zu entwickelnder praxistauglicher Screening-Score soll für die Polizei eine Grundlage bilden, entsprechend auffällige Personen im Straßenverkehr zu erkennen und ggf. eine weitere Diagnostik und Therapie beim Augenarzt über die Fahrerlaubnisbehörden initiieren zu können. Dadurch könnte die Sicherheit im Straßenverkehr zukünftig erhöht werden.