„Voneinander lernen zur Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten“ – Interview mit dem DOG-Präsidenten

Die DOG 2015 steht unter dem Motto „Augenheilkunde – grundlagenbasiert und interdisziplinär“. Präsident der DOG Professor Karl Ulrich Bartz-Schmidt erklärt, warum er dieses Motto gewählt hat, welche Neuerungen es gibt und auf welche Highlights sich die Teilnehmer freuen können.

Interview mit dem Präsident der DOG
Professor Karl Ulrich Bartz-Schmidt.

Frage: Herr Professor Bartz-Schmidt, Sie haben das Kongress-Motto „Augenheilkunde – grundlagenbasiert und interdisziplinär” gewählt. Warum?

Das Leitthema unseres diesjährigen Kongresses „Augenheilkunde – grundlagenbasiert und interdisziplinär“ trägt dem Wandel in der universitären Augenheilkunde der vergangenen Jahre Rechnung. Neben den klinisch-wissenschaftlichen Lehrstühlen werden heute an immer mehr Standorten ophthalmologische Lehrstühle ohne Versorgungsauftrag und auf Augenhöhe mit klinischen Lehrstuhlinhabern eingerichtet. Dies hat erfreulicherweise inzwischen zu einer stärkeren Wahrnehmung der Augenheilkunde bei nationalen und europäischen Fördereinrichtungen geführt. Nun müssen diese aktiven, grundlagenorientierten Gruppen in unserer Fachgesellschaft ihre Heimat finden. Innovation passiert nicht ohne Forschung, und da heute experimentelle Methoden fächerübergreifend entwickelt werden und die Augenheilkunde mit vielen Krankheitsbildern interdisziplinär aufgestellt ist, müssen wir ebenso den Austausch mit anderen Fachdisziplinen nutzen. Denn Wissensaustausch und aktive Kommunikation, also voneinander lernen zur Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten, ist das Ziel dieser Tagung.

Frage: Derzeit ist in vielen medizinischen Disziplinen von der Notwendigkeit stärkerer Versorgungsforschung die Rede. Warum setzen Sie einen Schwerpunkt bei der Grundlagenforschung?

Ich will für 2015 einen erlebbaren Kontrapunkt zu den heute nicht mehr wegzudenkenden Diskussionen zur Finanzierung des Gesundheitswesens in unserer überalternden Bevölkerung setzen. Abkürzungen wie AMG, AMNOG, AOP, AQUA, AWMF, BfARM, BQS, B&F, CMI, GBA, DRG, GCP, GLP, ICD, IGEL, IQWIK, KTQ, MDK, OPS, pU, QM, RKI und andere mehr stehen für Instrumente der zurückliegenden fünfzehn Jahre zur Beschreibung des deutschen Gesundheitswesens. Die damit erzeugte Transparenz verfolgt insbesondere die Ziele, die Kosten der Versorgung vor Partikularinteressen zu schützen und unseren mündigen PatientInnen Informationen zur besseren Orientierung in diesem Umfeld zu geben. Nur durch eine von Fachvertretern geleitete wissenschaftliche Begleitung in einem Zentrum der Versorgungsforschung werden wir auch für die Augenheilkunde als Fach die Zukunft gestalten können. Die Weichen hierfür hat das Gesamtpräsidium der DOG gemeinsam mit dem Berufsverband anlässlich der Klausurtagung im Januar 2015 gestellt. Es wird eine von beiden Organisationen gemeinsam finanzierte Forschungsprofessur noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden, die als Keimzelle für die Entwicklung eines zukünftigen Versorgungsforschungs-Zentrums dienen wird. In diesem Jahr hat sich die Fachgesellschaft verpflichtet, die Grundlagen zu schaffen. Da konnte die Augenheilkunde von anderen Fachgruppen lernen. Die Versorgungsforschung wird unsere Zukunft begleiten, und ich bin mir sicher, dass diese bald einmal auch die Ausrichtung der Jahrestagung bestimmen wird.

Frage: In diesem Jahr gibt es als neues Format „Fokus Forschung“. Das Format richtet sich insbesondere an junge Ophthalmologen. Was erwartet die Nachwuchsforscher dort? Welchen Benefit nehmen sie möglicherweise mit?

Mit dem neuen Programmformat Fokus Forschung schafft die DOG jungen, grundlageninteressierten, klinisch-wissenschaftlichen Ophthalmologen, den von der DFG so benannten Clinical Scientists, eine Plattform, um spezifische, eng umrissene Forschungsthemen und Fragestellungen zu diskutieren. Zu diesen Sitzungen kann eine inhaltlich getriebene Gruppe einen erfahrenen, einschlägig bewanderten Wissenschaftsprofi zum Referat einladen, um die Beiträge der Nachwuchswissenschaftler gemeinsam mit diesem zu diskutieren. Neben der fundierten Vertiefung der jeweiligen Fragestellungen dienen diese Sitzungen vor allem auch der nachhaltigen Vernetzung von Forschern und Forschergruppen. Die drei Symposien dieses Jahres werden zellbasierte Therapieansätze von Netzhauterkrankungen am Donnerstag, zelluläre Regeneration der Augenoberfläche am Freitag und inflammatorische Erkrankungen der Augenoberfläche am Samstag beleuchten.

Frage: Auf welche wissenschaftlichen Highlights dürfen sich die Teilnehmer freuen?

Ein wichtiges Thema dieses Jahres ist durch den Start der Gen-Therapie in der Augenheilkunde gesetzt. Die experimentellen Techniken sind inzwischen so weit gediehen, dass erste humane Versuche nun auch in Deutschland bevorstehen. Robert MacLaren wird uns über seine Erfahrungen in der Behandlung von Patienten mit Chorioideremie berichten. Diese innovative Technologie ergänzt unser Armarium nicht nur im Bereich monogenetischer retinaler Erkrankungen, sondern hält ebenso Einzug in die Behandlung endothelialer Erkrankungen der Hornhaut, wie wir im Symposium „Endothelial Cell Transplantation and Regeneration: State of the Art and Future Prospects“ erfahren werden. Ein weiteres wichtiges Thema ist durch die neuen bildgebenden Verfahren in diesem Jahr gesetzt. Angio- und en-Face OCT ebenso wie der Einsatz von Adaptive Optics werden in zahlreichen Beiträgen in Symposien, freien Vortrags- und Postersitzungen behandelt. Die gebündelte Darstellung wird sicher dazu beitragen, uns den Stellenwert dieser neuen diagnostischen Modalitäten für die Zukunft sicherer bewerten zu lassen.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht in diesem Jahr besonders relevant für die Praxis?

Die Ophthalmologie ist ein breit aufgestelltes Fach. In der täglichen Praxis werden von jedem Ophthalmologen sehr unterschiedliche Inhalte gebraucht. Die aktuellen Themen bildet die gesamte Programmstruktur mit Kursen, Symposien, freien Vorträgen und Postern ab. Als Highlight glänzt wieder unser im Jahr 2013 etabliertes DOG-Update – State of the Art als ein Fortbildungsangebot für Augenärzte aus Klinik und Praxis am Samstagnachmittag und Sonntagvormittag. Es bietet den Teilnehmern die Möglichkeit, sich komprimiert und effektiv auf den neuesten Stand der Wissenschaft und Forschung zu bringen. Ausgewählte Experten stellen – lebendig, mit interaktiven Elementen versehen – die Ergebnisse der wichtigsten internationalen Veröffentlichungen der vergangenen zwölf bis fünfzehn Monate vor. Sie nehmen gleichzeitig eine Bewertung sowie eine anwendungsorientierte Einordnung der neuen Ergebnisse vor. Die Teilnehmer erhalten damit eine umfassende Auffrischung ihrer Kenntnisse sowie konkrete Empfehlungen für die Diagnostik und Therapie in Klinik und Praxis. Diese Veranstaltungen stellen damit nicht nur eine ideale Gelegenheit zur Auffrischung vorhandenen Wissens dar, sondern können gerade von unseren Weiterzubildenden zur Prüfungsvorbereitung genutzt werden. Denn die zehn Schwerpunkte des Programms orientieren sich an den Subspezialitäten der Augenheilkunde. Die insgesamt zehn Blöcke à 45 Minuten finden am Samstagnachmittag sowie am Sonntagvormittag statt. Für registrierte Kongressteilnehmer ist dieses Angebot inklusive der schriftlichen Handouts in den Kongressgebühren enthalten. Es fallen also keine weiteren Kosten an, und eine separate Anmeldung ist nicht erforderlich.

Frage: Ihr persönlicher Tipp für den Kongress?

Für mich ist das gesamte Programm derart reizvoll, dass ich am liebsten alle Veranstaltungen besuchen würde. Nicht versäumen werde ich natürlich unsere Keynote Speaker. Auch üben die Veranstaltungen der DOG-Kontrovers-Symposien-Reihe eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. Darüber hinaus sei es mir erlaubt, auch für exotisch wirkende Veranstaltungen zu werben, diese werden stimulierend und bereichernd sein. Mein Favorit am Donnerstag ist das Symposium „Sehen Tiere besser als Menschen?“, am Freitag das Symposium zur „Achromatopsie“ und am Samstag das Symposium zu „Adaptation, Perceptual Learning and Plasticity of the Brain“.