Das plastische Gehirn – Neue Strategien zur Verbesserung des Sehvermögens

Kann unser Gehirn nach einem Sehverlust wieder sehen lernen? Und ist es denkbar, dass auch das gesunde Gehirn auf Kapazitäten zurückgreift, die uns ein Sehvermögen deutlich über 100 Prozent ermöglichen? Diesen spannenden und hochaktuellen Fragen widmet sich das Symposium „Adaptation, perceptual learning and plasticity of brain functions“ am Samstag, den 3. Oktober 2015, in der Zeit von 8.00 bis 9.30 Uhr aus verschiedenen Perspektiven. In der englischsprachigen Sitzung wird zunächst Professor Jonathan Horton, San Francisco, anhand neuer neuroanatomischer Untersuchungen der Gefäßversorgung im visuellen Kortex typische Ausfallmuster im Gesichtsfeld beschreiben, die Folge einer Schädigung der Gehirnrinde sind. Unter anderem zeigt sich, dass eine Gesichtsfeldregeneration nach einem Schlaganfall nicht entlang eines kontinuierlichen Streifens parallel zum vertikalen Meridian der Netzhaut erfolgen kann, wie es bei manchen Trainingsmethoden in Aussicht gestellt wird.

Anschließend wird Professor Susanne Trauzettel-Klosinski aufzeigen, dass ein einfach anzuwendendes Augenbewegungstraining hilft, Gesichtsfeldausfälle zu kompensieren, etwa nach einem Schlaganfall. Bei diesem explorativen Sakkadentraining lernen die Betroffenen anhand von Suchaufgaben, die jeweils blinde Seite in ihrem Blickfeld systematisch abzuscannen und die fehlenden Informationen im Blickfeld zu ergänzen – eine Strategie, die sich eine kompensatorische Plastizität des Gehirns zunutze macht. Wie eine randomisierte kontrollierte Studie zeigt, bessert das sechswöchige Training die räumliche Orientierung auch bei seit Jahren bestehenden Gesichtsfeldausfällen und verhilft damit zu mehr Lebensqualität.

Professor Theo Mulder, Amsterdam, wird dann die besonderen Möglichkeiten von Adaptation und Plastizität im motorischen System behandeln. Die Interaktion zwischen Wahrnehmung, Aktion und Wissen erlaubt ein stetiges Updaten auf der Basis von sensorischem Input und Aktivität, woraus sich neue Möglichkeiten der Rehabilitation ergeben.

Wichtig ist schließlich die Erkenntnis, dass der primäre visuelle Kortex auch beim Gesunden sogar noch im Erwachsenenalter veränderbar ist – und damit das Konzept des perzeptuellen Lernens auf die Wahrnehmung übertragen werden kann. Der Bremer Neurobiologe und Ophthalmologe Professor Manfred Fahle wird erläutern, wie mit cleveren Übungen eine Überauflösung durch die Netzhaut erzielt werden kann.